aus der dunkelheit
Literatur/Book Review

Aus der Dunkelheit Strahlendes Licht – Livingstones letzte Reise

9783103974492

 

„Ich hatte das Glück, zu den ersten Simbabwern zu gehören, die das Fach Geschichte aus einer afrikanischen Perspektive unterrichtet bekamen. Wir konzentrierten uns auf Geschichte derjenigen, die in ihr bislang nicht vorkamen.“ Petina Gappah (Zitat aus: „Sie wollen, dass wir Ihre Götter anbeten“/deutschlandfunk 19.06.2020)

Dieser Roman der simbawischen Schriftstellerin Petina Gappah ist ein Ereignis. Es nichts anderes als die Aneignung einer bekannten Legende um den Afrikaforscher David Livingstone. Generationen von Interessierten, LeserInnen, SchülerInnen vor allem der westlichen Welt, wurde jahrzehntelang die Geschichte des „guten Weissen“, des Forschers, Philantrophen und Sklavengegners David Livingstone erzählt. Eine Geschichte, die immer auch aus der weissen Sicht erzählt wurde. Dort ist bis heute von den treuen Gefährten, sprich den schwarzen Lastenträgern, Soldaten und Bewachern, Köchinnen und sonstigen Begleitern die Rede. Petina Gabbah hat sich nach jahrelangen Recherchen an die letzte Reise des Forschers gemacht. Das ist die, die nach seinem Tod 1873 im heutigen Sambia beginnt. Es ist nicht Livingstone Reise, sondern die Reise seiner Begleiter. Und diese Reise ist wahrlich erzählenswert.

Die Geschichte
Nach drei langen Reisen durch das Innere Afrikas, nach vielen „Entdeckungen“, ist der schottische Arzt und Forscher David Livingstone noch immer auf der Suche nach den Quellen des Nils. Auch nach seinem Verschwinden und spektakulären Zusammentreffen mit dem Journalisten Stanley, der den verschollenen am Tanganikasee aufspürt, macht sich Livingstone mit seiner Expedition weiter auf die Suche. Von Krankheiten geschwächt, stirbt er 1873 in Ilala  im heutigen Sambia. Seine Expeditionsbegleiter, eine Truppe aus 69 Menschen unterschiedlichster Herkunft, beschließen, den Leichnam auf eine letzte Reise mit zu nehmen. Nachdem die Innereien begraben wurden, wird die menschliche Hülle mumifiziert und transportfertig gemacht. Über eine Distanz von fast 1500 km kämpfen sie sich zur Küste durch, wo ein Schiff den Leichnam nach England bringen soll. Unter den Begleitern sind die bekannten „treuen Begleiter“ Abdullah Susi und James Chuma, bisher nur als Susi und Chuma bekannt, sowie die Protagonistinnen Halima und Protagonist Jacob Wainwright. Kinder sind dabei, Askari-Soldaten, Träger. niedere und höhere Bedienstete des gestorbenen „Bwana Daudi“ wie ihn alle nur nennen. Fast alle haben eine Sklavengeschichte hinter sich. Somit wird die Sklaverei und ihre Folgen ein wichtiges Thema der Geschichte.

Die Reise führt die Begleiter durch viele Dörfer und Landschaften. Oft werden sie angefeindet und gemieden, zum Teil auch feindselig bekämpft. Und immer wieder begegnen sie den grausamen Spuren des Sklavenhandels, der sich wie eine düstere Spur zur Küste zieht. Denn auch die Sklaven Jäger wählen die Route, die zum Sklaven Markt nach Sansibar führt. Die Mitglieder dieser letzten Expedition sind selbst Sklaven und Sklavinnen gewesen. Sie wurden freigekauft oder von englischen Truppen befreit. Einige versprechen sich nach der Reise ein besseres Leben. Nicht für alle wird sich dieser Wunsch erfüllen. Und es kommen auch düstere Geheimnisse zu Tage. Es wird auch um Glauben, um die Versuchung, um den all gegenwärtigen Tod gehen. Auf einer Reise, an deren Ende nicht alle ankommen werden.

809px David Livingstone head and shoulders in a roundel two Afr Wellcome V0018868
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Stil
Der Roman ist auf unterschiedliche Weise erzählt. Das macht seinen Reiz aus. Im Prolog ist ein Chor der 69 Teilnehmer versammelt. Danach kommen als Ich-ErzählerInnen Halima, die Köchin und Jacob Wainwright, der befreite Sklave und angehenden Missionar.
Natürlich ist diese Geschichte schon erzählt worden. Nie aber aus der Sicht der beteiligten Afrikanerinnen und Afrikaner. Die „treuen Gefährten und Gefährtinnen“ machen sich nach dem Begraben des Herzens mit der einbalsamierten Leiche auf den Weg zur Küste. Diese entbehrungsreiche Reise ist gespickt mit Konflikten, mit hoffnungsfrohen und düsteren Ahnungen, mit Krankheit und Tod. Es ist vor allem die Geschichte aus afrikanischer Sicht. Aus der Sicht der Köchin Halima und des christianisierten Jacob Wainwright, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Es entwickelt sich ein wunderbarer Roman, der, obwohl fiktiv, eine unglaubliche Authentizität vermittelt. Der von der Sprache der Protagonistinnen und Protagonisten lebt, mit denen man diese strapaziöse Reise hautnah mit erleben darf. Die sehr direkte Köchin Halima die zuvor als Sklavin im Harem des Herrschers von Sansibar Frohndieste leistete. Da ist die Sprache des stets korrekt wirkenden Missionars Jacob Wainwright, den Livingstone wie Halima freikaufte, bzw. als ehemaligen Sklaven übernahm. Beide sind historische Figuren, die auch in Livingstons Tagebüchern erwähnt werden.
Dazu Petina Gappah im Interview mit dem deutschlandfunk:
„Er ist so eine Figur, die man nicht mag, aber man versteht ihn. Am Ende wird man Mitleid mit ihm haben, weil er so verloren ist. Halima denkt, sie sei eine Sklavin, aber sie ist die emanzipierteste von. allen. Und Jacob denkt, er sei frei, ist in Wahrheit aber versklavt. Er ist ein Sklave der Idee, dass er ein guter Christ sein müsse“.

Alles wirkt so, als hätte es sich genau so zugetragen. Es wird präzise beschrieben, nichts romantisiert. Das ist so gut, dass man denkt: so muss es gewesen sein, so kann es nur gewesen sein!
Durch den geschickten Einbau der Tagebucheinträge von Livingstone und seinem berühmten „Finder“ Morton Stanley wird zudem stark an den Denkmälern gerüttelt. Diese kontrastieren stark mit den Berichten von Halima und Jacob. Dort wird auch der snobistische und teils rassistische Tonfall des Forschers Livingstone und des Journalisten Morton Stanley deutlich. Über Halima sagt er im Buch:
„Sie hatte befürchtet, ihr Herr wisse ihre Kochkünste nicht genügend zu schätzen… Die arme treue Seele! Während wir ihr lautes Geschwätz mit anhörten, berichtete der Doktor über ihre treuen Dienste. … Halima ist meine Köchin, aber sie kennt nicht einmal den Unterschied zwischen Tee und Kaffee.“

Dunkle Schatten

Im Laufe der Reise wird deutlich, dass der Verstorbene nicht nur als Heiliger durch den Dschungel getragen wird. Immer mehr wird auch seine Vergangenheit Teil der Fracht. So ließ Livingstone einen des Diebstahls Verdächtigen auspeitschen. Dafür wird sich dieser später rächen. Auch die unschönen Deals des Herrn Doktor Livingstone mit Sklavenhändlern kommen ans Tageslicht. Zur Bitternis für seinen Anhänger Wainwright. Er durchlebt im Buch eine wahrlich harte Prüfung. Ist er doch direkt von der Missionarsschule in die Dienste Livingstons gegangen. Der hat aber wenig Interesse an christlicher Missionierung.

720px Hut at Ilala Africa 1873
Abbildung: digitallibrary.usc.edu/cdm/ref/collection/Gemeinfrei, https://commons.wikifaksimile der hütte, in der livingstone starb

Das Ende der Sklaverei?

Der übergeordnete Rahmen bleibt stets im Blick: Der scheinbare Wendepunkt Afrikas, das nahe Ende des Sklavenhandels und damit ein besseres Zeitalter ist nur frommer Wunsch. Stattdessen beginnt kurz darauf mit der in der Berliner Konferenz festgelegten Gebietsaufteilung der nächste Abschnitt in der Kolonialgeschichte Afrikas. Den Gräuel des Sklavenhandels, die sich auch durchs Buch ziehen, werden bald durch massenhafte Ausbeutung und Mord im Kongo oder beispielsweise Deutsch-Südwestafrika eine neue Dimension einnehmen. Das Buch gibt darauf einen Vorgeschmack.
Das Motiv der Reise ist hier wenig heldenhaft. Wenn auch später diese Reise in England zur Heldenreise verklärt wurde, einige Teilnehmer belohnt wurden, so ist es die Leistung dieses Buchs, daß die Perspektive entscheidend ist. Waren doch die zahlereichen Opfer dieser Reise kaum bekannt oder wie Petina Gappah die Köchin Halima im Prolog sagen lässt:
„Auf dem langen und gefährlichen Weg, der ihn nach Hause führen solle, verloren zehn von unserer Gruppe ihr Leben. Keine Steine kennzeichnen die Orte, wo sie ruhen, keine Inschriften künden von ihrem Tod. Und wenn wir, die noch da sind, ihnen nachfolgen, werden keine Pilger kommen, um ihren Kindern zu zeigen, wo wir liegen.“

Fazit
„Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ ist ein wahrhaft großartiger Roman. Er ermöglicht die wichtige Umkehrung der Geschichte Afrikas von unten. Die wahren Helden sind nicht weiße Entdecker und Archäologen aus England oder Deutschland. Es sind die, wie in diesem Roman eindringlich beschrieben, die Menschen des Kontinents, die nicht nur als Opfer sondern als Handelnde agieren, die witzig, sonderbar, ängstlich, oder wagemutig wirken. Wir nehmen Teil an einer Reise, an die alle unterschiedliche Erwartungen haben. Das alles ist lebendig geschrieben, manchmal witzig, manchmal nervig und spannend bis zum Schluß. Obwohl das Ende bekannt ist, gibt es einige nicht ganz erwartbare Wendungen. Dank Petina Gappah gibt es nun eine Wirklichkeit vor ihrem Buch und eine danach. Der Titel stimmt: Aus der Dunkelheit kommt nun strahlendes Licht auf einen Mythos, der immer auch ein weisser Mythos war. Wir können gespannt sein, was uns Petina Gappah noch erzählen wird.

Aus der Dunkelheit Strahlendes Licht
Roman von Pettina Gappah, Übersetzung: Anette Grube.
S.Fischer Verlag, 429 Seiten, 24 €

633px Petina Gappah Buchmesse
Petina Gappah auf der Frankfurter Buchmesse 2016, von: Smalltown Boy

Zur Autorin:
Petina Gappah wurde 1971 in Harare, Simbabwe geboren. Zu dieser Zeit hieß das Land noch Rhodesien und war unter weißer Herrschaft. Sie studierte Jura in Cambridge und Graz. Als Anwältin für internationales Handelsrecht war sie zehn Jahre für die Welthandelsorganisation in Genf tätig. Nach zahlreichen Erzählungen folgte 2015 der erste Roman „Die Farben des Nachtfalters“. Mit Hilfe des DAAD Künstlerprogramms konnte sie ihr lang gehegtes Projekt „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ verwirklichen. Petina Gappah lebt in Harare und ist für die Regierung von Simbabwe als Handelsberaterin tätig.

Ein Kommentar

  • janisolm86

    Ein wahnsinnig intensives Buch. Der „Pfarrer“ nervt zwar ganz schön. Aber das macht es ja so glaubwürdig. Vieles aus der Sklaverei ist auch garnicht bekannt. Das wird ja so nebenbei und dann doch behandelt. Kann es auch nur weiterempfehlen.

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