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Literatur/Book Review

Ois Easy? Das kann uns keiner nehmen_ Mit Matthias Politickys Buddyroman durch Tansania

 

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„Mt Kilimanjaro 1“ by Tambako the Jaguar is licensed under CC BY-ND 2.0

 

Das kann uns keiner nehmen:

Eigentlich werden auf cultureafrica.net mehrheitlich afrikanische Autorinnen und Autoren vorgestellt, deren Bücher rezensiert.

Beim jüngsten Roman von Matthias Politycki machen wir mal eine Ausnahme, denn es ist es wert. Ein Afrikabuch des viel gereisten  und vielfach ausgezeichneten Autors, das klingt doch interessant. Ein Buch mit vielen autobiografischen Bezügen. Ein Roman, den man mögen kann. Ein Roman, an dem sich die Geister und das Feuilleton scheiden. Ein Buddy-Roman, ein Roadtrip aber auch ein Afrikaroman? Ich versuche mich, der Sache mal zu nähern. Im Frühjahr habe ich das Buch zum ersten Mal gelesen. Ich muß sagen, es war ein Erlebnis. Ein toll, nämlich flüssig und mitreißend geschriebenes Buch.  Figuren, wie man sie lange nicht mehr in einem Roman hatte. Die so schön unkorrekt und aufreibend sind. Was will man mehr? Von Matthias Polyticki schon noch mal etwas mehr.  Das muß er sich gefallen lassen. Nach dem Kater, den dieser erste Rausch verursacht hat, bleiben ein paar Kopfschmerzen. Vorallem, was soll das alles mit Afrika zu tun haben?

Wovon handelt der Roman?

Hans, der Protagonist und Ich-Erzähler im Roman ist nach Tansania gekommen um mit seinen Anfang Sechzig nochmal ein Ziel in Angriff zu nehmen: den Kilimandjaro besteigen, eine Safari machen und eine vergangene, nie verwundene, traumatische Afrikareise überwinden. Diese vergangene Reise und die daraus resultierende Trennung von seiner großen Liebe nagt immer noch schwer am Reisenden Hans. Der hat, nur das vorweg, doch einige Ähnlichkeiten mit dem Romanautor. Nicht nur ist auch Hans im Roman Schriftsteller (allerdings relativ erfolglos). Er teilt auch seine traumatische Erfahrung, eine Blutvergiftung mit Rettung in letzter Sekunde, die ihn fast das Leben kostete, mit dem realen Autor. Wir gehen also gleich mehrfach vorbelastet auf diese Reise. Dieser Roman-Hans ist eigentlich nicht unsympathisch; gebildet, weitgereist, aufgeschlossen, etwas zurückhaltend und sehr selbstreflektierend. Genau diesen Hans lässt Matthias Polytycki auf eine Urgewalt treffen, die man sich krasser nicht hätte ausdenken können: es ist Tscharli, ein Bayer, der sein Herz auf der Zunge trägt, der flucht, in Sinnsprüchen und „Spaßswahili“ (…wakala weia , wakala, rama dama, weis wuascht is…), durch das Land und den Roman poltert, dass es nur so kracht.

„Nun war da also so ein Kerl im Krater, wo ich mir seit Jahren nichts anderes als leere Landschaft vorgestellt hatte, in der ich meine Vergangenheit begraben wollte.“

Der Tscharli begrüßt seinen unbekannten Neuling mit „Lecko mio“, „Hornbrillenwürschtl“ und „Windelhans“.  Der ist alles andere als begeistert, findet den Tscharli abstoßend. Wie dieser sich in den Ohren bohrt und den Finger beschnüffelt, die einheimischen Bergführer auch noch Neger nennt, da wird es Hans erstmal zuviel. Als wäre ein AfD-Typ auf Wanderschaft. Dort oben ist aber erstmal kein Entkommen:

„Mit Negern müsse man immer mal wieder Klartext reden…Die bräuchten eine starke Hand. Andernfalls würden sie einem auf der Nase herumtanzen.“ lässt der Tscharli vom Stapel. Da ist nicht nur der Leser schockiert. Wie der Hans denkt man sich: wo ist man hier eigentlich reingeraten? Ist das jetzt lustig? Kennt man diese Sprüche nicht auch selbst von Leuten, mit denen man nichts zu tun haben will? Aber andererseits, das kann doch der Polyticki nicht ganz ernst meinen.  Die Neugier siegt, es bleibt auch nicht platt aber schon auch in diesem Sound.

Den Hans und den Leser, den nervt der Tscharli, er ist die böse Fratze, der Antipol zum aufgeklärtenden Bildungsbürger. Den Tscharli kümmert das wenig. Der Tscharli, das erfahren wir bald, ist krank. So krank, dass wir um sein Leben fürchten müssen. Es ist also Endzeitstimmung angesagt. Der nahende Tod als Antriebsfeder für ein letztes Vergnügen. Und auch er trägt eine Last mit sich, die es zu verarbeiten gilt. Aber zuerst treffen sich Hans und der Tscharli am Krater des Kilimandscharo. Zufällig oder vorherbstimmt, man weiss es nicht. Aus der Unterschiedlichkeit der Charaktere schlägt der Roman seine Funken, er ist der Kitt, der den Roman ausmacht.

Nach überstandenem Schneesturm am Kilimanjaro und abendlichen Bierrunden wird klar, das diese Geschichte mit Zweien weiter geht. Das tut sie nur widerwillig, denn Hans findet seine neue Reisebekanntschaft eher abstoßend. Seiner einnehmenden Art kann er sich dennoch nicht entziehen. Weil der Tscharli krankheitsbedingt nicht mehr viel Zeit hat, will er, daß ihn Hans auf eine Reise durch Tansania begleitet. Eine letzte Woche, so stellt er sich das vor, bevor er sich für immer verabschiedet. Von Moshi am Fuße des Kilimanjaro nach Dar es Salaam und Sansibar führt diese Reise und wieder zurück. Bis dahin wird viel schwadroniert, philosophiert, gesoffen und gerauft. Menschliche Exkremente spielen eine große Rolle, das wird immer deutlicher. Der Tscharli und seine Krankheit, der Hans mittendrin. Es wird in beiden Figuren eine Veränderung geben, aus der anfänglichen Abneigung wird bald eine Hassliebe. Die Marotten des Bayern Tscharli gehen in den kultivierten Hanseaten Hans über. Erst notiert sich dieser seine Aussprüche in sein Reise Notizbuch, bald wird er sie selber sagen. Da ist die Lust am Grusel, am Inkorrekten. Denn der Hans stellt fest, dass die beiden doch mehr verbindet, als ihm lieb ist. Der Witz geht dann aber doch auf Kosten von Afrika.

 

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„Kilimanjaro“ by Marco Zanferrari is licensed under CC BY-SA 2.0

„Das ist Afrika, auch das ist Afrika.“

Das Afrikabild in diesem Roman bleibt zwielichtig. Dient es doch wie einem oberflächlich Reisenden als schönes Hintergrundbild. Die Einwohner lernen wir fast alle als Dienstleister der reisenden Weißen kennen. Sie agieren nur selten eigenständig. Wenn sie nicht stets auf das Wohl des Tscharli bedacht sind, dann hilft dieser mit Dollarscheinen nach. Frauen spielen, wenn sie denn vorkommen, eher am Rande eine Rolle. Sie heißen Princess Pat und bringen das Bier dem Tscharli, der sich hier „Big Simba“ oder „King of Fulalu“ nennen lässt. Da entstehen im Roman dann Sätze wie:

„Hörte ihm zu, wie er sich bei Princess Pat ins Zeug warf, die ihm erneut versicherte, er sei „Big Simba“. Woraufhin er ihr anvertraute, sie sei die schönste Antilope weit und breit, er sei zurückgekommen, um sie zu jagen.“

Tscharli flirtet mit ihnen auf seinem Spaßswahili. Nicht immer funktioniert das. Die Reserviertheit mancher Dorfbewohnerinnen, ob seines Auftritts, lässt ihn ziemlich kalt. Hauptsache der Kronkorken wird mit dem Playboy-Feuerzeug laut ploppend ins Gebüsch geschossen. Ein einsamer Strand, ein intaktes Dorf wird als Trophäe gesehen. Touri-Prosa :„Außer dir und mir is hier noch nie a Fremder g’wesen“. Das ist also der maximale Erkenntnisgewinn einer Rundreise durch Sansibar. Klar, es geht um die beiden. Es geht aber ein bisschen viel um die beiden. Das Motiv des Roadmovies ist zu verführerisch, ja, sie fahren auch auf Bikes mit Vollgas über die Insel. Bei diesem Roadmovie ist halt Afrika doch nur der Ort, wo man den Einheimischen das kalte Bier entlocken muss, wo man sich Krankheiten holt oder gar den Tod. Die weissen Touristinnen winken sich hingegen einheimische Schwarze an den Tisch und vergnügen sich, meist gegen Bezahlung, mit ihnen. Dieses Phänomen gibt es auch in anderen afrikanischen Ländern, spielt hier aber nur eine Nebenrolle. Neokolonialismus? Es muß nicht immer die ganze Kolonialgeschichte des Landes verhandelt werden. Was aber soll die Kulisse? Tansania ist nicht irgend ein Ort deutscher Vergangenheit. Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania, war Schauplatz mörderischer Kämpfe, in denen Deutsche Kolonialtruppen tausende Aufständische in Gewehrsalven auslöschten, wo sich der Leiter der Kolonie Carl Peters einen mörderischen Namen machte (Hanging Peters), der seine Geliebte, eine Schwarze, aus Boshaftigkeit hängen ließ. Lange her, sicherlich, aber nicht vergessen. Vielleicht ist es dieses Gedächtnis, daß ein wenig Demut im Umgang mit unserer Vergangenheit braucht. Auch das ist Afrika.

Frauen?

Frauen sind im Roman vorallem Vergangenheit, eine Vergangenheit, an der beide Protagonisten schwer zu nagen haben. Der eine hat seine Kiki-Geschichte, der andre eine Mara-Geschichte. Beide werden wir ausführlich im Roman hören. In Hans‘ Mara-Geschichte, ich will nicht zuviel verraten, wird es dann deutlich besser. In diesem Teil zeigt Matthias Poliyticki, welch starke Beobachtungsgabe er hat. Dort mischen sich sehr persönliche Eindrücke einer Entfremdung von der Freundin mit einer unter wachsender Gefahr stattfinden Reise. Immerhin auch durch Burundi und Ruanda, kurz vor Ausbruch des Völkermords. Das ist spannend, ja packend, mit einer dramatischen Rettungsaktion. Die politische Dimension ist vorhanden. War hier die eigentliche Geschichte? Mußte der Tscharli-Trip drumherum gebastelt werden, um die Schwere zu nehmen? Man wird den Verdacht nicht los. Natürlich, ohne Frage, ein lesenswertes Buch. Möglicherweise hatte ich zu hohe Erwartungen an einen großen Schriftsteller. Ein unterhaltsames Buch ist es, mir ist das dann doch zu wenig. Ois easy fragt und stellt der Tscharli öfters fest. Von seinen lustigen Sprüchen bleibt schon kurze Zeit später nicht mehr viel im Gedächtnis. Es wäre mal interessant, das Buch in Swahili zu übersetzen und dann aus Tansania zu rezensieren. cultureafrica würde es natürlich veröffentlichen.

Im Herbst ist Matthias Polyticki mit dem Buch auf Lesereise. Vielleicht Gelegenheit, auch mal die eine oder andere Frage zu stellen.

Hans Hofele

9783455009262
Verlagscover Hofmann und Campe

Titel: Das kann uns keiner nehmen

Verlag: Hoffmann und Campe

304 Seiten, 22 Euro

 

 

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