am dunklen fluss
Literatur/Book Review

Der dunkle Fluss_Chigozie Obiomas großes Debut

 

der dunkle fluss
Der dunkle Fluss, Verlagscover, Aufbauverlag Berlin

Der dunkle Fluss

Roman von Chigozie Obioma (Nigeria)

 

von Hans Hofele

Chigozie Obioma hat 2019 mit „Das Weinen der Vögel“ (Rezension folgt) seinen zweiten Roman veröffentlicht. Doch wirklich furios war sein Start in die Welt der Literatur mit seinem Erstlingswerk „Der Dunkle Fluss“ aus dem Jahr 2015. cultureafrica.net widmet sich diesem Roman mit einer Rezension.

Dem Bestseller von Chigozie Obioma, übersetzt in 25 Sprachen, überschüttet mit hymnischen Kritiken in aller Welt, eilt ein großer Ruf voraus. Muss man also andächtig ein Stück Weltliteratur lesen oder doch unvoreingenommen sich an diese Geschichte machen? Erstmal Letzteres, denn es lohnt sich wirklich. Es muss auch nicht gleich „die Fabel über das Schicksal Nigerias“ sein, wie es im Klappentext heißt. Denn das ist es eigentlich nur am Rande. Ein großes Familienpanorama auch nicht. Eine Familientragödie schon. Eine großartig geschriebene Tragödie allerdings. Und wie in guten Geschichten, die sich zur Tragödie entwickeln, ahnt man schon etwas, will es nicht ganz wahr haben, fiebert mit den Protagonisten mit. Gibt es doch ein gutes Ende für alle?

Night shift fishermen
Night shift fishermen,Photo by Felix Clay/Duckrabbit 2012 by WorldFish is licensed under CC BY-NCND 2.0 .jpg

Handlung

Nigeria in den 90er Jahren. Der zehnjährige Benjamin lebt zusammen mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in der Nähe eines verfluchten Flusses in Nigeria. Als ihr Vater aus beruflichen Gründen die Familie verlässt verstoßen er und seine drei älteren Brüder gegen das Verbot sich dem Fluss zu nähern und fangen an darin zu fischen. Eines Tages, als sie von einer weiteren Angeltour nach Hause zurück kehren, treffen sie auf den verrückten Abulu der Ikenna, dem ältesten Bruder, einen gewaltsamen Tod prophezeit. Kurz darauf beginnt sich Ikenna zu verändern. Was wird geschehen? Tritt die Phrophezeihung wirklich ein? Die Geschichte, rückblickend erzählt aus der Sicht des neunjährigen Benjamin, dreht sich vor allem um die Erlebnisse Benjamins und seiner drei älteren Brüder, deren Welt aus den Fugen gerät, als die ordnende Autorität des Vaters (der beruflich in eine andere Stadt versetzt wird) aus ihrem Leben verschwindet. Sie verlieren die Orientierung im Leben, ungünstige Zufälle akkumulieren sich, bis die Geschehnisse in einer Katastrophe eskalieren, die die Zukunft aller vier Brüder nachhaltig beeinflusst oder gar zerstört und der nicht einmal der sanftmütige Ben entkommen kann.

Stil
Die Ereignisse spielen zu einer Zeit als Ben zehn Jahre alt ist. Aufgrund der Erzählperspektive erfährt man alles über ihn und erhält tiefe Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt.
Da Ben ein guter Beobachter ist, erleben wir durch ihn auch seine Umgebung, die Familienmitglieder und die Bewohner der Nachbarschaft sehr detailliert und intensiv. Momente, die für einen Zehnjährigen sehr wichtig sind, werden unerbittlich beschrieben. Der häusliche Ablauf, die Ankunft des Vaters, die Mimik und Gesten der Mutter, an denen die Gefühlslage erkannt wird.
Die Eltern werden hier als Herzkammern des Hauses bezeichnet und die Zukunft als leere Leinwand, auf die man alles projizieren kann.

Aber es ist auch ein Buch über Jugendlichkeit, Coming Of Age und vor allem: Gewalt. Die Gewalt blitzt nur mal sporadisch auf, entfaltet aber seine ungeheure destruktive Macht über die Protagonisten. Die sind fast allesamt Jungs im Alter bis 16 Jahre. Im Laufe des Romans wird die Gewalterfahrung der Jugendlichen alles in den Abgrund reißen. Eine scheinbare Ordnung, die die mehrköpfige Familie zusammenhält, eine Ordnung die auf der Autorität des Vaters beruht, zerbricht. Der Vater wird auf eine weit entfernte Stelle berufen, sein „langer Arm“ wirkt schon bald nicht mehr. Die Kinder, vor allem die Brüder an der Schwelle zum Erwachsenwerden lassen sich nichts mehr gefallen. Die Mutter blickt dem ohnmächtig zu. Ihre Drohungen bleiben bald wirkungslos.

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“Young boys mug for the camera in Lagos, Nigeria.” by The Advocacy Project

Die Mittelschichtsfamilie aus Nigerias Süden wird in einen Strudel von Ohnmacht, Verzweiflung, Desillusionierung und schließlich auch Tod gezogen. Doch das klingt erstmal sehr traurig und trübe. Das ist es aber gar nicht. Chigozie Obioma schafft es, die Welt der Brüder, die hauptsächlich den Roman bestimmen, diese Welt als ihre gestalten zu lassen. Wir gehen mit ihnen an den dunklen Fluss, zum unerlaubten Fischen. Wir leiden mit, wenn sie dafür von der Mutter verpfiffen, vom Vater verprügelt werden. Wir sind dabei, wenn sie den verrückten Abula, der ihnen eine düstere Prophezeihung machte, suchen und schließlich gewaltsam töten. Chigozie Obioma verwendet auch Versatzstücke antiker Mythen. Der Seher Abula, der in der Handlung auftaucht, einer Kassandra gleich düstere Prophezeihungen ausstößt, die erst keiner hören will. Wie in der Antigone gleicht das nahende Ende einer Tragödie, die durch Hybris herbeigeführt wurde.
Und wir erleben, wie sie ihre Illusion von einer besseren Zukunft (und jetzt kommt auch das Schicksal Nigerias wieder vor) im Land verlieren, ein Land das selber Konflikte mit Gewalt löst. Verknüpft sind die Entwicklung der Jungen und Nigeria in einem frühen Treffen mit einem der Präsidentschaftskandidaten. Doch wie die Hoffnungen des Kandidaten zerschlagen sich auch ihre privaten Träume in einem Kettenreaktion von Gewalt und Rache. Esan heißt das Gras der Gegend, durch das sie zum Fluß laufen. Esan, das heißt in der einheimischen Yoruba Sprache nichts anderes als: Vergeltung oder Rache. Ein früher Hinweis auf das Unheil, das heraufzieht über die noch fast unschuldigen Kindheit der Geschwister.

Es gibt verstörende Momente, in der die brutale Wirklichkeit auf dem Land beschrieben wird, wie mit Dieben umgegangen wird, wie eine Leiche geschändet wird. Aber es gibt sie auch, die magischen Momente, wenn die Brüder am Fluss fischen und ihr umgetextetes Fischerlied singen:

Tanz so viel du willst, kämpfe so viel du musst…—Bi otiwu o ki o jo, ki o ja.

Wir die Fischer, haben dich erwischt, haben dich erwischt.—Awa, Apeja, ti mu o.

Die Fischer haben dich erwischt, du kannst uns nicht entkommen.—Awa, Apeja, ti mu o, o  MA le lo mo o.

Da sind sie Kinder, Jugendliche, wo sie sonst eher als kleine Erwachsene gesehen werden. der Nicht alle werden diesem Strudel entkommen.

xyzthe sons of Ogun River Nigeria by SAO is licensed under CC BY NC SA 2.0
“x, y, z the sons of Ogun River, Nigeria” by SAO! is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Ben, der alles aus seiner Sicht erzählt, hat, ein weiteres Stilmerkmal, den einzelnen Phasen/Kapiteln unterschiedliche Tiere zugeordnet. Das Kapitel, in dem der Vater die Söhne bestraft, heißt Der Adler, wenn die Mutter später vor Kummer psychische Probleme bekommt, Spinnen sieht, heißt auch das Kapitel so, gegen Ende, wenn Hoffnung keimt, wird der Vogel der Hoffnung ,Der Reiher.

Das erinnert zuweilen an Ralf Rothmann, der magische und düstere Momente der Jugend zu einem Kosmos verwebt. Ein Sommer, ein paar Tage, die endlos gedehnt scheinen, weil so viel oder nichts passiert. So vieles aber Bedeutung hat. Chigozie Obioma schafft eben dies, wenn auch ein Stück geradliniger. Fesselnd, dicht, schnörkellos ist dieses Buch. Von einer magischen Wucht, die einen mit zieht. Dieses Stück Geschichte von Jugendlichen könnte abgewandelt auch woanders spielen, auch in Europa. Das macht auch den Reiz, vielleicht auch den Erfolg des Buchs aus. “Der Dunkle Fluss”, der Omi-Ala, eine unheimliche Metapher, die nicht nur faszinierend ist, sondern auch mitreisst. Ein Roman, der Chigozie Obioma zurecht einen Platz in der Weltliteratur gibt.

Der dunkle Fluss

Roman von Chigozie Obioma

Aufbau Verlag Berlin

Deutsch von Nicolai von Schweder-Schreiner

313 Seiten, Taschenbuch 10€

Über den Autor:
Chigozie Obioma ist 1986 in Nigeria geboren, studierte an der Cyprus International University, die er 2012 mit einem MA abschloss. 2014 erhielt er einen MFA der University of Michigan. Er lehrt Kreatives Schreiben, Belletristik und Lyrik sowie afrikanische Literatur an der University of Nebraska–Lincoln.

Chigozie Obioma 2016 Larry D. Moore CC BY SA 4.0
Chigozie_Obioma_2016_Larry D. Moore CC BY-SA 4.0

Hans Hofele, M. A., studierte Theater/Filmwissenschaften, Politik und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk in Frankfurt am Main.

2 Kommentare

  • isax88

    Das ist wirklich ein großartiges Buch. Ich habe es mittlerweile schon mehrfach gelesen, was bei mir selten vorkommt. Ich entdecke immer was neues darin.

  • alexadroehste

    Da kann ich nur zustimmen. Ein tolles Buch, wenn auch etwas deprimierend. Mir hätte mehr Hoffnung gefallen. Aber es gut so wie es ist. Die viele Symbolik ist erstaunlicherweise gar nicht kitschig. Die Kindersicht ist natürlich das ungewohnte.

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