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Film/Streaming

Millionen Bäume gegen den Sand – Der Film The Great Green Wall

Wichtiger Film über ein großartiges Projekt oder doch Werbefilm der Uno?  Der Dokumentarfilm “The Great Green Wall” von Jared P. Scott läuft ein halbes Jahr später als geplant in den Kinos an. Mit der malischen Musikerin und AktivistIn als Host zeigt uns der Film die Stationen und Menschen des ambitionierten Umwelt und Entwicklungsprojekts.

Jordan G. Teicher den Film unter die Lupe genommen.

Mitigating climate change’s impact on the Sahel by planting trees across it, is not enough. Averting disaster requires even bigger thinking.

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von Jordan G. Teicher

“Sie wollen, dass mein Kontinent ein Ort ist, an dem die Menschen träumen und glauben können, dass ihre Träume gültig sind – dass sie diese Träume verwirklichen können”, sagt Inna Modja, die malische Musikerin und Aktivistin zu Beginn des Dokumentarfilms Die Große Grüne Mauer. Wie sich herausstellt, ist Modjas Wunsch nicht nur abstrakt. Er ist vielmehr in eine konkrete Vision verpackt: eine Initiative mit dem Namen “Die Große Grüne Mauer”. In einer Reihe von Titelkarten erfahren wir, dass die Mauer ein von Afrika geführter Plan zur Bekämpfung von Wüstenbildung, Migration und Konflikten in der Sahelzone ist, indem auf dem gesamten Kontinent eine Mauer aus Bäumen – “das größte lebende Bauwerk der Erde” – gepflanzt wird. “Ich frage mich, ob es am Ende funktionieren wird”, sagt Modja. “Ich suche nach Antworten.”

Und sie sucht – zumindest wenn es um die geografische Navigation geht. Im Laufe von 90 Minuten durchquert Modja Streckenabschnitte der vorgeschlagenen 8.000 km langen Mauer und macht dabei Halt in Senegal, Mali, Nigeria, Niger und Äthiopien. Unterwegs trifft sie mit Bauern, Aktivisten und Konfliktopfer zusammen, die von einer regenerierten Landschaft in der Sahelzone profitieren werden. Modja ist eine mitfühlende und oft liebenswürdige Erzählerin, die die Herausforderungen, vor denen die Region steht, mit großer Sorgfalt aufzeigt. Aber ihre Untersuchung der Aussichten für die Mauer ist eklatant unkritisch, und die Antwort auf ihre zentrale Frage – wird sie funktionieren?- ist weitgehend unerforscht. Was übrig bleibt, ist meist ein Haufen gut gemeinter heißer Luft.

Modjas Einschränkungen als Erzählerin sind leider in die DNA des Films eingebrannt. Die Große Grüne Mauer ist eine Koproduktion der Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD), und es ist in der Tat der zweite Film, der sich in die Kampagne der Konvention zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Große Grüne Mauer einreiht. (Der erste ist ein achtminütiger VR-Kurzfilm.) Modja ist selbst UNCCD-Landbotschafterin, daher ist es eindeutig nicht ihre Aufgabe, die Große Grüne Mauer objektiv zu untersuchen; es ist ihre Aufgabe, sie zu fördern.

Es ist daher nicht überraschend, dass der Film oft den Charakter einer abendfüllenden Werbung hat, die in die Perspektiven, den Jargon und das Personal der internationalen Regierung eingetaucht ist. In den letzten Szenen des Films interviewt Modja die UN-Untergeneralsekretärin Monique Barbout und spricht dann auf einer UN-Konferenz in New York. Für einen Film, der angeblich für afrikanische Selbstbestimmung wirbt, sind die Handabdrücke der UNO merkwürdig und auffallend weit verbreitet.

Modjas persönliche Eingriffe in den Film sind zuweilen ebenso fehl am Platz. Wie wir erfahren, arbeitet die Sängerin an einem Album, das von der Großen Grünen Mauer inspiriert ist, und ein Großteil des Films dokumentiert deren Entstehung. Während ihrer Reisen schafft sie Musik mit einer Vielzahl prominenter Künstler, darunter Didier Awadi (von Positive Black Soul), Songhoy Blues, Waje und Betty G. In Szenen aus Aufnahmestudios und Live-Konzerten sind Modja und ihre talentierten Mitarbeiter eine Freude zu hören. Aber die Nähe von Modjas kreativen Bestrebungen zu Geschichten von Not und Prekarität kann eine seltsame Dissonanz erzeugen.

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Standbild aus dem Film Die Große Grüne Mauer.

In einer Schule für Waisenkinder in Nigeria zum Beispiel sitzen Modja und Waje mit zwei Mädchen zusammen, von denen eine ihren Vater an Boko Haram verloren hat. Modja lobt die Mädchen für ihre Tapferkeit und singt ihnen dann ein Lied vor. Später versammeln sich Dutzende der Mädchen draußen und singen ihr eines von Modjas eigenen Liedern vor. “Ich wusste nicht, dass sie es vorführen würden. Oh mein Gott”, sagt Modja und wischt sich die Tränen aus den Augen. Es ist ein seltsam eigennütziger Moment – und leider nicht der letzte.

Modja hegt offensichtlich viel Sympathie für die Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnet. Aber die Notwendigkeit des Films, die Handlung in Gang zu halten, macht ihre Auseinandersetzung mit diesen Menschen – und ihrem Leiden – frustrierend kurz. So erzählt sie Waje zum Beispiel am Morgen nach ihrem Schulbesuch, dass sie die Nacht nicht durchschlafen konnte. Waje, ebenfalls zutiefst betroffen, antwortet: “Ich fühle mich unwohl mit der Tatsache, dass ich wahrscheinlich morgen zurückgehen und mein Leben wie immer leben werde”. Das ist ein faszinierendes Geständnis, aber damit endet das Gespräch, und der Film geht schnell weiter. Ehe wir uns versehen, sitzt Modja wieder in einem Bus auf dem Weg zu ihrem nächsten Ziel und blickt melancholisch aus dem Fenster auf die Passanten, wie sie es im Laufe des Films oft tut. Im Vorbeigehen blicken stumme, einsame Gestalten in den überfüllten Straßen zurück, die vom Kameramann Tim Cragg in Zeitlupe aus einem fahrenden Fahrzeug heraus gefilmt wurden. Die Aufnahmen sind wunderschön anzusehen, aber ihre Kürze scheint die Distanz zwischen Modja und den Menschen in der Sahelzone nur noch zu betonen.

Es gibt auch eine Beschönigung, wenn es um die Große Grüne Mauer selbst geht. Da erst 15 Prozent der Mauer seit ihrer Genehmigung durch die Afrikanische Union im Jahr 2007 fertiggestellt wurden, ist das Projekt, wie Modja bereitwillig zugibt, “mehr eine Vision als die Realität”. Während der Film offen über die Finanzierungsprobleme spricht, die das Projekt behindern, ist er jedoch weit weniger offen über einige der historischen Mängel des Projekts.

Zunächst als eine Mauer aus Bäumen quer durch die Sahelzone konzipiert, hat sich das Konzept des Projekts im Laufe der Jahre weiterentwickelt, nachdem Wissenschaftler darauf hingewiesen hatten, dass aus einer Reihe von Gründen – unter anderem aufgrund der Tatsache, dass weite Teile der geplanten Mauer unbewohnt waren, was bedeutete, dass niemand da sein würde, um sich um die jungen Bäume zu kümmern – eine buchstäblich grüne Mauer in der Sahelzone zum Scheitern verurteilt war. Heute betont die Initiative stattdessen indigene Landnutzungstechniken, die das vom Klimawandel bedrohte Land in der Sahelzone wiederherstellen. Die Große Grüne Mauer kann laut Papa Sarr, dem technischen Direktor des Projekts, eher als ein Mosaik grüner Entwicklung denn als “Linie” bezeichnet werden. Der Film erkennt jedoch nicht die Gedankenlosigkeit hinter dem ursprünglichen Vorschlag an. Er scheut auch nicht davor zurück, die fotogenen Abschnitte der Mauer hervorzuheben, wo die fragwürdige Praxis der linearen Baumpflanzung noch im Gange ist.

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“Innovative farming practices in the Sahel” by CGIAR Climate is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Einige Beispiele für die neue Ausrichtung der Mauer sind jedoch mit Luftraum versehen. Nehmen Sie den äthiopischen Bauern und Aktivisten Abu Hawi. Seit mehr als 30 Jahren führt er in seiner Gemeinde eine Basisarbeit an, um Wüstenländer mit alten Werkzeugen und Techniken fruchtbar zu machen. Im Film wird Hawis Erfolg jedoch nicht als das Ergebnis seiner intelligenteren und bescheideneren Herangehensweise an die Wiederaufforstung dargestellt. Stattdessen wird er als das Ergebnis von Hawis sonnigem Gemüt und Arbeitsethik dargestellt. “Weil ich es für möglich hielt, weil ich es für möglich hielt, weil sich mein Denken geändert hatte, war ich in der Lage, das Land und die Denkweise der Menschen zu verändern”, sagt er.

Die Afrikaner haben sicherlich eine Rolle dabei zu spielen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel zu stärken, und die Große Grüne Mauer kann sicherlich ein Teil davon sein. Aber die Lösung für die Probleme der Sahelzone liegt nicht nur in der Einstellung, sondern auch in der Politik. Die Große Grüne Mauer erwähnt jedoch nicht die globalen Treibhausgasemissionen – eine politische Schlüsselfrage, die mehr als alles andere über das Schicksal der Sahelzone entscheiden wird. Es ist wichtig, dass die Afrikaner große Träume haben, wie Modja vorschlägt, aber wenn die größten Emittenten der Welt ihre zerstörerischen Gewohnheiten nicht schnell umkehren, werden diese Träume verrotten – und alle Bäume und guten Gefühle in der Welt werden sie nicht wiederbeleben können.

Der Text erschien im englischen Original bei africasacountry unter folgendem Link. Übersetzung: Hans Hofele

https://africasacountry.com/2019/11/greening-the-sahel-isnt-enough

Den Link zum Filmtrailer gibt es hier:

https://m.youtube.com/watch?v=gCl05qDDacc

 

 

Hans Hofele, M. A., studierte Theater/Filmwissenschaften, Politik und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk in Frankfurt am Main.

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