Book Review/Rezension,  Maroc_Marokko

Imposantes Finale – Impressive Finale -“Trag das Feuer weiter”/”I’ll take the Fire” von/of Leïla Slimani_English and German

Imposantes Finale – Impressive Finale -“Trag das Feuer weiter”/”Carry on the Fire” von/of Leïla Slimani

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Sechs Jahre ist es her, seit Leïla Slimani mit Das Land der Anderen ihre autobiografisch gefärbte Familientrilogie begann. Beide Vorgängerromane  (zuletzt war Schau, wie wir tanzen erschienen) waren sehr erfolgreich. Sie verhalfen Slimani, die schon zuvor 2017 den Prix Goncourt erhalten hatte, zu großem literarischen Ansehen und waren weltweit Bestseller.

Nun ist der abschließende dritte Teil Trag das Feuer weiter erschienen. Dieser Roman hat alle Zutaten, die Erfolgsgeschichte weiter zu schreiben. Dabei ist das 486 Seiten starke Werk alles andere als leichte Kost. Er verlangt den LeserInnen viel ab. Belohnt sie dafür mit einem mitreißenden literarischen Sog von Figuren und Geschichten, mit einer Reise durch die 1980er bis 2000er Jahre, die in Marokko und Frankreich spielt. Es wird kaum ein Thema ausgelassen. Dennoch ist Slimani eng an den Figuren, hauptsächlich Mädchen und Frauen; darunter ihr Alter Ego Mia, die die Hauptfigur ist.  Ein reiner Frauenroman ist es dennoch nicht; zu wichtig ist die Vaterfigur (Mehdi) und der im Hintergrund wirkende Großvater Amine. Sie geben der Geschichte die Balance. Trag das Feuer weiter ist eine Metapher für eine über Generationen andauernde Suche nach Identität, dem Streben nach Idealen, der Verwirklichung von Träumen. Die Trilogie war im Zweiten Weltkrieg gestartet (mit Amine und Mathilde als Hauptfiguren), ging über die 1960er und 1970er Jahre (mit Aïcha und Mehdi) und dann weiter in die 1980er und 1990er bis heute (mit den heranwachsenden Kindern Mia und Inés). Manche Figuren ziehen sich über alle drei Bände, alten quasi mit. Auch ohne die vorherigen zwei Bände zu kennen, ist man in der Lage, dem Buch zu folgen (Ein Personenverzeichnis mit Kurzbiografien erleichtert das Lesen). Es macht eher Lust darauf, alle Teile zu entdecken.

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Die Rahmengeschichte macht Mia, die älteste Tochter von Aicha und Mehdi, zur Leitfigur. Nach ein Schreibblockade, die sie, die einst erfolgreiche Bankerin, als Schriftstellerin erleidet, kehrt sie in ihre Heimat Marokko zurück. Dort, im einstigen pulsierenden Zentrum ihrer Familie, kramt sie in ihren alten Sachen. Erinnerungen, geplatzte Träume und eine unstillbare Sehnsucht ergreift sie. Mia, die älteste Tochter von Aicha und Mehdi Daoud, beides Akademiker, wächst mit ihrer jüngeren Schwester Inès auf dem ländlichen Anwesen der Familie in Méknes/Marokko auf. Beide besuchen ein französisches Gymnasium, zählen zu den privilegierten Kindern im Land. Wie ihre Eltern genießen sie die Vorteile der französisch-marokkanischen Herkunft, die ihnen nicht nur materielle sondern auch kulturelle und religiöse Freiheiten beschert. Während der Vater (ein früherer Sozialist mit dem Spitznamen “Karl Marx”) eine Karriere bei der Entwicklungsbank in Casablanca macht, arbeitet die Mutter Aicha als Gynäkologin. Dann ist da noch Selma, die jüngere Schwester von Amine, die eine besonders starke Frauenrolle innehat. Die Möglichkeiten und Konflikte, die sich aus einer privilegierten Herkunft (französisch-marokkanische Elite) ergeben, werden zum emotionalen Lauffeuer für die Geschichte.

“Dieser letzte Band war für mich sehr schmerzhaft. Da war die Trauer um meinen Vater, aber auch die um mein Land oder, besser gesagt, meine Länder. Ich habe mich von der Vorstellung verabschiedet, einen Ort zu finden, an dem ich mich zu Hause fühle, wirklich dazugehöre. Ich habe einsehen müssen, dass ich nie die Fran­zösin sein werde, die ich sein wollte, nie die Marokkanerin, die ich gerne wäre. Ich bin zwar Französin ebenso wie Marokkanerin, nur sind beide Identitäten sehr komplex und fragil. Es wird immer Leute geben, die mir sagen: Du bist keine richtige Marokkanerin. ” Leila Slimani im FAZ Interview

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Leila Slimani//photo credits: penguin randomhouse

Doch was ist das Besondere an Slimanis’ Trilogie? Es ist die schonungslose Härte ihrer  psychologischen Analyse aber auch die Sympathie und Wärme für ihre Figuren, die viele helle und dunkle Seiten durchmisst. Nichts wird ausgespart, keine Schwäche oder Stärke verschwiegen. Es sind viele präzise Details, die die Romane so lebendig machen, als hätte Slimani alle Situationen selbst durchlebt. Trag das Feuer weiter ist, sei es Fantasie oder Autobiografie, authentisch im storytelling, es nimmt langsam Fahrt auf und entfaltet dann seine ganze Wucht. Sie findet dafür ihre eigene, meist elegante aber auch drastische Sprache, um den Ereignissen, die allen Figuren widerfährt, gerecht zu werden. Doch wie beschreibt man den Geruch einer sommerlichen Geburtsstation, den Winterregen, der auf einen fällt, während man auf Einlass wartet,  das Kochen von Hühnchen und Tajine zum Leichenschmaus ? Slimani will es beschreiben und kann es auch. Nichts wirkt gestellt oder ist der Szene wegen inszeniert. Fast jedenfalls. Um einen Epochenwechsel darzustellen, wird der Tod  des Großvaters mit den Anschlägen des 11. Septembers verknüpft, das ist dann etwas zu viel des Guten. Literatur spielt im Roman eine wichtige Rolle, ohne sich im Referenziellen zu verlieren. Es ist Mehdi, der Vater, der durch die Weitergabe von Büchern an seine Tochter Mia sein eigenes Feuer, weitergibt. Es ist auch seine eigene (und oft einzige) Art der Kommunikation mit seiner ältesten Tochter.

Fast ist man verwundert, dass die 1981 geborene Slimani wenig auf sensiblen Umgang mit politischer Korrektheit, Wokeness und Feminismus hält. Es geht mitten rein ins Gefecht. Gelüste der Frauen werden explizit. Frauen nehmen sich was sie wollen, werden gnadenlos ausgebeutet, schlagen aber auch zurück. Sie trinken, kiffen, fallen aus der Rolle. Frauen wie Aicha, machen Karriere und bekommen Kinder. Lehnen den Feminismus ab. Männer streben nach Idealen, Macht, Ruhm und Ehre, fallen dafür umso tiefer. Männerrollen, Frauenrollen – es gibt kein klassisches Opfer/Täter-Schema, wenig Schwarz-Weiß, die Linien verwischen. Etliche Zeit Sprünge, die aber klar motiviert und gekennzeichnet sind, bringen eine eigne Dynamik in die Erzählung. Das Erinnern, die Zeit an die zwar turbulente aber immer auch liebevolle Familienzeit ist dabei das Wertvollste, was alle Familienmitglieder besitzen. Einmal sagt Mehdi  “Du musst die Insel verlassen um sie wirklich wahrzunehmen”. Beide Kinder werden das ländliche Paradies in Marokko verlassen, werden in Paris und London unterschiedliche Werdegänge haben. Ihre Heimat wird sie jedoch nicht loslassen.

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green morocco/photo: wikipedia

“Die Kolonisation hat die Verbindung zum Land, zur Sprache, zur Kultur vollkommen gebrochen. Sie hat einen gewissen Selbsthass produziert, viel Scham. Um etwas weiterzugeben, muss man schon ein bisschen stolz sein, gut finden, was man hat. Wenn man sich schämt, dann gibt man nichts weiter, dann schweigt man. ”

Leila Slimani im FAZ Interview

Manchmal ist es fast zu viel, was sie alles aushalten müssen: Pubertät, Trennung, Fremde, Kälte, Unfälle, Verrat, Gefängnis, Verlust und Tod. Dazu kommen die gesellschaftlichen Verwerfungen, der Aufstieg und der Frust des Postkolonialen Marokko, das elitäre Leben der Bourgeoisie, zu der die Familie zählt, später der aufkeimende Islamismus. Wem das nicht reicht, hat viel Freude an der genauen Beschreibung von Nebensächlichkeiten wie der Fußballbegeisterung (die hochschwangere Mutter Aicha muss das Ende des Länderspiels abwarten, ehe sie ins Krankenhaus darf) oder dem leckeren marokkanischen Essen.

Das großartige Gefühl, dabei sein zu dürfen, diese, zum Teil extreme Familie begleiten zu dürfen; ihre Höhenflüge und zu Asche gewordenen Träume mit zu erleben bleibt bis zum Schluss. Trag das Feuer weiter ist großes Kino der Literatur. Eine Geschichte, die eigentlich nie enden sollte, ist zu Ende. Man wird alle vermissen, das Feuer ist nicht erloschen.

Hans Hofele

 

Trag das Feuer weiter. Roman

Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma

443 Seiten. Luchterhand Verlag

ENGLISH VERSION

I’ll take the Fire by Leila Slimani

It has been six years since Leïla Slimani began her autobiographical family trilogy with The Land of Others. Both previous novels (the most recent being Watch Us Dance) were very successful. They helped Slimani, who had already won the Prix Goncourt in 2017, achieve great literary acclaim and became bestsellers worldwide.

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Now the concluding third part, Trag das Feuer weiter (I’ll take the Fire), has been published. This novel has all the ingredients to continue the success story. However, the 486-page work is anything but light reading. It demands a lot from its readers. It rewards them with a thrilling literary whirlwind of characters and stories, with a journey through the 1980s to the 2000s, set in Morocco and France. Hardly any topic is left out. Nevertheless, Slimani stays close to the characters, mainly girls and women, including her alter ego Mia, who is the main character. Nevertheless, it is not purely a women’s novel; the father figure (Mehdi) and the grandfather Amine, who acts in the background, are too important. They give the story its balance. Carry the Fire is a metaphor for a search for identity that spans generations, the pursuit of ideals, the realization of dreams. The trilogy began during World War II (with Amine and Mathilde as the main characters), continued through the 1960s and 1970s (with Aïcha and Mehdi), and then on into the 1980s and 1990s to the present day (with the growing children Mia and Inés). Some characters appear in all three volumes, accompanying the reader throughout. Even without having read the previous two volumes, it is possible to follow the book (a list of characters with short biographies makes reading easier). It makes you want to discover all the parts.

The frame story makes Mia, the eldest daughter of Aicha and Mehdi, the central character. After suffering from writer’s block as a once-successful banker turned novelist, she returns to her homeland of Morocco. There, in what was once the vibrant center of her family’s life, she rummages through her old belongings. Memories, shattered dreams, and an insatiable longing overwhelm her. Mia, the eldest daughter of Aicha and Mehdi Daoud, both academics, grows up with her younger sister Inès on the family’s rural estate in Meknes, Morocco. Both attend a French high school and are among the most privileged children in the country. Like their parents, they enjoy the advantages of their French-Moroccan heritage, which affords them not only material but also cultural and religious freedoms. While their father (a former socialist nicknamed “Karl Marx”) pursues a career at the development bank in Casablanca, their mother Aicha works as a gynecologist. Then there is Selma, Amine’s younger sister, who plays a particularly strong female role. The opportunities and conflicts that arise from a privileged background (French-Moroccan elite) become an emotional wildfire for the story.

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“This last volume was very painful for me. There was grief for my father, but also for my country, or rather, my countries. I have given up on the idea of finding a place where I feel at home, where I truly belong. I have had to accept that I will never be the French woman I wanted to be, nor the Moroccan woman I would like to be. I am French as well as Moroccan, but both identities are very complex and fragile. There will always be people who say to me: You are not a real Moroccan.” Leila Slimani in an interview with German Newspaper FAZ

But what is so special about Slimani’s trilogy? It is the relentless harshness of her psychological analysis, but also the sympathy and warmth she shows her characters, who have many light and dark sides. Nothing is left out, no weakness or strength concealed. It is the many precise details that make the novels so vivid, as if Slimani had experienced all the situations herself. Carry the Fire, whether fantasy or autobiography, is authentic in its storytelling, slowly picking up speed and then unfolding its full force. She finds her own, mostly elegant but also drastic language to do justice to the events that befall all the characters. But how do you describe the smell of a summer maternity ward, the winter rain falling on you as you wait to be admitted, the cooking of chicken and tagine for the funeral feast? Slimani wants to describe it and she can. Nothing seems staged or set up for the sake of the scene. Almost, anyway. In order to depict a change of era, the death of the grandfather is linked to the attacks of September 11, which is a little too much of a good thing. Literature plays an important role in the novel without getting lost in references. It is Mehdi, the father, who passes on his own passion by giving books to his daughter Mia. It is also his own (and often only) way of communicating with his eldest daughter.

It is almost surprising that Slimani, born in 1981, has little regard for sensitive handling of political correctness, wokeness, and feminism. She goes right into the thick of the battle. Women’s desires become explicit. Women take what they want, are mercilessly exploited, but also fight back. They drink, smoke weed, and break out of their roles. Women like Aicha pursue careers and have children. They reject feminism. Men strive for ideals, power, fame, and honor, but fall all the more deeply as a result. Male roles, female roles—there is no classic victim/perpetrator pattern, little black and white, the lines are blurred. Numerous time jumps, which are clearly motivated and marked, bring their own dynamic to the narrative. The memories, the time spent with their family, which was turbulent but always loving, are the most precious thing that all family members possess. At one point, Mehdi says, “You have to leave the island to really appreciate it.” Both children will leave the rural paradise in Morocco and have different careers in Paris and London. However, their homeland will not let them go.

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“Colonization completely severed ties to the land, the language, and the culture. It produced a certain self-hatred, a lot of shame. To pass something on, you have to be a little proud, to like what you have. If you are ashamed, then you don’t pass anything on, then you remain silent.” Leila Slimani in an interview with FAZ

Sometimes it’s almost too much what they have to endure: puberty, separation, strangers, coldness, accidents, betrayal, prison, loss, and death. Added to this are the social upheavals, the rise and frustration of post-colonial Morocco, the elitist life of the bourgeoisie, to which the family belongs, and later the burgeoning Islamism. If that’s not enough, readers will enjoy the detailed descriptions of trivialities such as enthusiasm for soccer (Aicha, heavily pregnant, has to wait until the end of the international match before she is allowed to go to the hospital) or delicious Moroccan food.

The wonderful feeling of being allowed to accompany this sometimes extreme family, of experiencing their highs and their dreams turned to ashes, remains until the very end. Carry the Fire is great cinema in literature. A story that should never have ended has come to an end. We will miss them all, but the fire has not been extinguished.

Hans Hofele

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