otsiemi librevillet
Literatur/Book Review

Libreville_Politthriller aus Gabun

 

1024px Libreville bord de mer
Foto: Delrick Wiliams
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„Die Stadt döste unter einer dichten Nebeldecke. Nur zögerlich befreite sie sich aus den Fängen der Dunkelheit und erwachte langsam zwischen den Splittern einer schmutzigen, moribunden Nacht, bedrängt vom ersten pudrigen Lichtschimmer, der sich am Horizont abzuzeichnen begann.“

So beginnen die ersten Zeilen in Janis Otsiemi Politkrimi „Libreville“

Mit „Libreville“ hat Janis Otsiemi einen Fall von politischer Brisanz entwickelt, der die Abgründe der Gabunischen Gesellschaft durchleuchtet.

Inhalt

Am Strand von Libreville, der Hauptstadt Gabuns, wird die misshandelt Leiche eines bekannten Journalisten (Roger Missang) gefunden. Das ganze nur unweit des Präsidentenpalastes. Ein Zufall? Ein politisches Zeichen? Denn die Zeichen stehen in Gabun auf Konfrontation. Ein Jahr vor der Wahl ist die Regierung nervös.

Roger Missang hat als Journalist stets die Finger in die Wunden der Regierung gelegt. Die Aufdeckung zahlreicher Misstände, die Verwicklung der Regierung in krumme Geschäfte, Korruption und die Beseitigung eines engen Vertrauten des Präsidenten machten ihn zur gefährdeten Person.

Das ist die Ausgangslage für die beiden Kommissare Louis Bourkinda und Hervé Envame, die sich des Falls annehmen. Schon bald wird Ihnen die Dimension des Falls klar. Mit minimaler Ausrüstung, dafür mit gutem Gespür für Menschen machen Sie sich auf den Weg. Verdächtige für Verdächtige werden aufgespürt. Die Drecksarbeit, das brutale Verhör überlassen Sie anderen. Sie stoßen auf viele Spuren, die nicht alle in die Regierungszentrale führen. Viele Widersprüche zeigen sich. Und eines zeigt sich auch: Nicht alle sind an einer umfassenden Aufklärung des Falls Roger Missang interessiert. Sie werden bald selbst gefährdet, denn sie beißen sich an dem Fall fest und lassen sich nicht einschüchtern. Die Spuren führen Kreuz und Quer durch die Metropole Gabuns.

Janis Otsiemi Libreville 300
copyright Polar verlag

Stil

Janis Otsiemi ist erklärter Fan des amerikanischen Schriftstellers James Ellroy, mit dessen Zitat er sein Buch eröffnet. Die dokumentarischen Pedanterie in Bestsellern wie „Die Rothaarige“ oder „L.A. Confidental“, die dort fast schon psychotische Züge annahmen, hat Janis Otsiemi zum Glück nicht übernommen. Dennoch legt er viel  Wert auf eine genaue Beschreibung der Vorgänge. So liest man sich überrascht in eine westafrikanischen Welt aus Verordnungen und bürokratischen Hemmnissen, von denen man dachte, sie wären sehr europäisch. Vor einer dringenden Personenuntersuchung muss schnell noch eine dienstliche Genehmigung ausgestellt werden. Ja, das gibt es auch in Gabun, wundert man sich. Mit Ellroy gemein hat der Krimi die Stringenz der Untersuchung, die die beiden Protagonisten an den Tag legen. Beweise werden untersucht, Spuren werden aufgenommen und wieder verworfen. Ein Licht soll fallen in die dunklen Seiten der Stadt, die zugleich Machtzentrum und wirtschaftliche Interessen vereinigt. Hier enden die Wege des Edelholzes, der Mangan- und Eisenerzvorkommen und natürlich das Öl, das vor der Küste gefördert wird. Genau beschreibt Otsiemi die Orte, die die Kriminalisten besuchen.  meint es Ernst mit seiner stadt. Es wird viel  erklärt, historische und gesellschaftliche Zusammenhänge werden aufgezeigt. Im Interview mit Alf Meyer erklärt der Autor dazu:

„Ich liebe Städte. Nicht ihre Postkartengesichter, sondern eher ihre wuchernden Seiten. Diese verborgene Welt untersuche und beleuchtet ich gern in meinen Romanen. In diesem Sinne kann man Libreville, das den Hintergrund meiner Bücher bildet, durchaus als eigenständigen Charakter verstehen.“

So entsteht eine Topographie der Stadt, in der sich nun auch bald die Leser und Leserinnen gut zurecht finden und gerne mit kommen.

Ganz nebenbei ist „Libreville“ ein sehr informatives Buch über eine Region und Stadt, die in Deutschland wenig bekannt ist. Viel Hintergrundinformation lässt der studierte Politologe Otsiemi einfliessen. Soziale Ungleichheiten, Postkoloniales Erbe, missglückten Infrastruktur, Korruption. Ungewöhnlich ist die engagierte Sprache, die auch vor Ausrufezeichen nicht hält macht. Ihm liegt die Stadt sehr am Herzen, das spürt man in jeder Zeile des Buchs. Dennoch verliert er die spannende Geschichte nicht aus den Augen.

Fazit

„Libreville“ ist ein sehr engagiertes Buch über ein uns unbekanntes Afrika. Ein spannender Fall, der uns tief hinein führt in die dunkle Seite einer Stadt, die nach außen glitzert. Das Buch bleibt bis zum Ende spannend und lässt uns ganz nebenbei ein Stück westafrikanischen Alltag miterleben, der an vielen Stellen gar nicht so weit weg ist, wie er zunächst scheinen mag. Eine Entdeckung und eine Empfehlung zugleich.

„Libreville“ von Janis Otsiemi ist dort 2017 auf Deutsch erschienen. Aus dem Französischen hat ihn Caroline Gutberlet übersetzt.

224 Seiten, Polar Verlag Stuttgart, 14,00€

Hans Hofele

 

 

Hans Hofele, M. A., studierte Theater/Filmwissenschaften, Politik und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk in Frankfurt am Main.

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