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Literatur/Book Review

Im Herzen des goldenen Dreiecks – Stories aus Simbabwe von Petina Gappah

Die Stories aus dem Herzen des Chaos, der politisch letzten Phase des Präsidenten Robert Mugabe, sind auch zehn Jahre später noch absolut lesenswert.

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Im Herzen des Goldenen Dreiecks
Arche Verlag

Das Buch

Im neu erschienen Buch aus dem Arche Verlag versammeln sich Stories, die schon 2009 auf Englisch erschienen sind. Mit ihrem wachsenden Erfolg (“Aus der Dunkelheit strahlendes Licht” bei S. Fischer) sind diese Stories nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Kalter Kaffee? Mitnahmeeffekt? Mitnichten! Die Stories aus dem Herzen des Chaos, der politisch letzten Phase des Präsidenten Robert Mugabe, sind auch zehn Jahre später noch absolut lesenswert. Das liegt natürlich in erster Linie an Petina Gappah, die eine wahrhaft meisterliche Erzählerin ist. Mit viel Witz, vielen skurrilen Details, vorallem aber einer Liebe zu den Menschen, die sich mit ihrem Leben herumschlagen, das viel angenehmer sein könnte, als jetzt ist. In Simbabwe oder Nyika yeZimbabwe wie auf Shona heisst, der am weitesten verbreiteten Volksgruppe und Sprache.

Wäre da also nicht ein Staat, der sich nach der Jahrtausendwende politisch und wirtschaftlich ins Aus geschossen hat. Das wiegt in Simbabwe besonders schwer, galt das Land doch Jahrzehntelang als Vorbild für viele afrikanische Staaten. Als Vorbild für die Überwindung von Kolonialismus, Apartheid und Abhängigkeit von Europa. Der Stolz der Simbabwerinnen und Simbabwern ist gespeist von einer langen kulturellen Tradition. Groß Simbabwe ist immerhin die eindruckvollste Stätte einer vorkolonialen Hochkultur im südlichen Afrika. Einer großartigen Kulturleistung, von der später die Kolonialherren sagen sollten, dass dies unmöglich von Afrikanern erschaffen werden konnte. Stolz sind sie auch auf die  selbst erkämpfte Freiheit durch Robert Mugabes Truppen, dem Sieg über die Rassisten im  früheren Rhodesien. Aber natürlich auch von der jahrelangen wirtschaftlichen Prosperität, die vielen Menschen in Simbabwe ein gutes Leben bescheren konnte, deren Entwicklung stets nach oben ging.

Umso schmerzhafter ist der Abstieg Simbabwes in das Armenhaus Afrikas. Immer noch rangiert Simbabwe aktuell auf dem BIP Nationen Index auf Rang 150 von 189 Ländern. Eine marode Infrastruktur, schlechte Ernten, Hyperinflation, ein Aderlass an vielen Fachkräften, die ihr Glück in anderen Teilen der Welt suchen. Über allem schwebt bei Entstehung des Buchs noch der alternde Präsident des Landes, der frühere Freiheitsheld Robert Mugabe. Die abgedroschen Kampfparolen zünden nicht mehr. Die Schuldzuweisungen an die weißen Siedler und Großbritannien, sie sorgen für Unmut und kurzfristigen, gewalttätigen Aktionen.  Sie stellen aber das Grunddilemma nicht ab: Mangelnde Freiheit, Hoffnung und durchdachte Wirtschaftspolitik.

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Die Stories

Von all diesen Themen handeln die dreizehn Stories von Petina Gappah. Und auch nicht. Denn wer politische Grabenkämpfe, Siedlerdrama und einen Abgesang auf Mugabe erwartet, wird mit diesen Stories nicht bedient.

Stattdessen skizziert Petina Gappah eine sehr menschliche Analyse dieses Landes. Sie spart nicht mit Spott wenn sie gleich in der ersten Story von der Beerdigung eines ranghohen Militärs erzählt. Aus der Sicht der Witwe allerdings. Die hat, anders als der prominente Grabredner, Präsident Mugabe selbst, die Doppelmoral ihres Mannes hautnah mit erdulden müssen. Mehrfach hat er sie mit andren Frauen hintergangen. Während Mugabe eine nicht enden wollende Rede hält, sinniert die hoch gebildete Witwe über den Zustand ihrer vergangenen Ehe und des Staates. Es wird genau beschrieben, wie diese Feier abgehalten wird. Bei der alles stimmen soll. Beerdigungen werden immer mehr zum Symbolakt des Staates.

Im Sarg wird übrigens, so erfahren wir, ein Stück Holz begraben, weil ihr Mann im Geburtsort begraben werden wollte. Doch die Anweisung des Präsidenten, er  müsse ein Staatsbegräbnis auf dem Heldenfriedhof bekommen, konnte auch nicht widersprochen werden. So wird ein Handel besiegelt, die Witwe willigt ein,  bekommt für ihr Stillschweigen einen Senatsposten und die Farm des Mannes:

“Nur diese Wahrheit wird in die Geschichtsbücher eingehen und den Kindern gelehrt werden… Mein Mann ist ein Nationalheld,  der in Warren Hills bestattet wurde. Warren Hills ist die Nationale Gedenkstätten in einem Land, das vom weisesten aller Präsidenten regiert wird. In diesem Land herrscht Wohlstand, seine Bürger sind alle glücklich…Und ich werde in diesem Land zur neuen Farmbesitzerin und Senatorin.”

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Grace Mugabe with Robert Mugabe 2013 by User:DandjkRoberts CC BY-SA 3.0

Die Stories handeln nicht nur in den Sphären der Oberschicht. Wir werden mit genommen in Wohnviertel der ärmeren Bewohner, die mit der Armut genauso wie mit dem Aberglauben kämpfen, deren Zuhause am Ende, wie ihr ganzes Viertel, abgerissen wird. So sollen die Probleme der Armut nach Mugabes Stil gelöst werden.

Wir sind dabei, wenn die Mupandawan Dancing Championships ihren Lauf nehmen. Folgen dabei einem alles in den Schatten stellenden, akrobatisch tanzenden Sargtischler, der, man ahnt es, in einem tragischen Ende gipfelt. Wir leiden mit einem in Europa arbeitenden Simbabwer, der auf die falschen Versprechungen eines Millionengewinns hereinfällt und dabei ist seine ganze Zukunft zu verspielen. Verfolgen die nicht um Ausreden verlegene Schwester-Cousine Rambanai, die mit zwei Koffern aus den verheißungsvollen USA zurückkehrt, dahin zurück will, aber den falschen Vermerk im Pass hat. Lange drückt sie sich vor der Wahrheit, vor dem Misserfolg, was ihr ein Leben in der Heimat unmöglich macht. Nicht erfolgreiche Repatriots sind nicht gerne gesehen in einem Land, das die Flucht in die reichen Industriestaaten als Verheißung ansieht. Die Problemlösung für Rambanai hat mit Geld zu tun. Mit viel Geld, denn in Simbabwe ist fast Jeder und Jede MilliardärIn:

“Ihr Simbabwe war im Jahr 1997 erstarrt, dem Jahr ihres Weggangs. Ihr Land war eins gewesen, wo man das Geld mit vollen Händen ausgab, rasante Studenten rasend schnelle Autos fuhren und eine Party auf die nächste folgte, ein Simbabwe ohne Inflation im  zweistelligenBereich,  ohne Gerüchte über unfaire Wahlen.”

Fazit

All diese Geschichten vermitteln tiefe Einblicke in ein Land, dessen Bewohner sich mit Missständen arrangieren, die dennoch nicht die Lebenslust verlieren. Das sind sehr gut beobachtete, gut recherchierte Stories. Direkt aus dem Leben, manchmal zu gut um nicht real zu sein. Aber Petina Gappah spart nicht an Kritik. Sie ist anders verpackt, mal satirisch, mal abgründig, mal spöttisch, nie destruktiv. Das macht es dem  Leser so einfach, sich auf diese Geschichten einzulassen.

Mit ihrem süffisant ironischen, immer auch warmen und bildreichen Erzählstil bringt sie uns ihr Heimatland und die Menschen sehr nahe. Als Leser ist man erstaunt, wie eine junge Autorin (das ist ihr Debut) so viel unterschiedliche Menschen, Lebenslagen und Gesellschaftsschichten analysieren und präzise beschreiben kann. Die feine Ironie ihrer Sprache ist ein Vergnügen, denn es wäre ein leichtes, angesichts der damaligen Verhältnisse, den Holzhammer rauszuholen. Nein sie tut es nicht. Und das ist die eigentliche Leistung: eine eigene Sprache zu finden, die für die Leserinnen und Leser eine Balance findet, mit den teils aberwitzigen teils skurilen aber auch tragischen Geschichten mit zu gehen.  Es ist diese Liebe zu ihrem Land und die Hingabe, mit der sie Kritik am maroden Einparteiensystem übt.

Simbabwe befindet sich nach dem Tod von Mugabe 2018 zwar im Tranformationsprozess. Dennoch sind die speziellen Strukturen des überkommenen Regimes auch heute noch überall sichtbar.

Deswegen sind die Stories auch garnicht überholt. Es ist: Eine Reise in ein marodes Land – und das tapfere Arrangement der Bewohner und Bewohnerinnen. Glänzend erzählt von Simbabwes großer Erzählerin Petina Gappah.

Hans Hofele

 

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“President Cyril Ramaphosa attends former President Robert Mugabé’s State Funeral in Harare” by GovernmentZA is licensed under CC BY-ND 2.0

Im Herzen des goldenen Dreiecks – Stories

Von Petina Gappah

Übersetzt von Patricia Klobusiczky, Arche Verlag Zürich, 269 Seiten, Taschenbuch, 12€

Über die Autorin:

Petina Gappah wurde 1971 in Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) geboren. Im Herzen des goldenen Dreiecks ist ihre erste Buchveröffentlichung. Die studierte Juristin und Anwältin arbeitet heute in Genf und berät ihr Land in Handelsrecht. Auf Deutsch erschienen (S.Fischer) ist dieses Jahr der große Roman  Aus der Dunkelheit strahlendes Licht über die letzte Reise David Livingstons (siehe Rezension auf cultureafrica.net).

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“Petina Gappah auf dem Blauen Sofa #FBM16” by Das blaue Sofa is licensed under CC BY-ND 2.0

Hans Hofele, M. A., studierte Theater/Filmwissenschaften, Politik und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk in Frankfurt am Main.

Ein Kommentar

  • svenja89

    Petina Gappah ist wirklich eine tolle Schriftstellerin. Ich behaupte mal, das ist die Frauensicht, die das besondere an diesen Geschichten ausmacht. Die Wärme, die Empathie, das bringt doch kein männlicher Romanautor hin. Oder?

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