meine schwester rot
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Pulp Fiction aus Lagos – Meine Schwester, die Serienmörderin

My Sister, the Serial Killer

Meine Schwester, die Serienmörderin

von Oyinkan Braithwaite (Nigeria) auf Deutsch erschienen im Blumenbar Verlag (Berlin).             for english version, please scroll down

aufbauverlag braithwaite

 

„Forget about the great novel, just write something for yourself that´s fun“*

Mit diesem Roman ist der nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite ein internationaler Erfolg gelungen. Nummer Eins auf der Times Bestsellerliste. Der Guardian spricht gar von einer „literarischen Sensation“. Es war außerdem auf der Longlist für den Man Booker Price 2019. 2020 gewannn sie den British Book Award der Kategorie Thriller und Crime.

2017 veröffentlichte Braithwaite den Stoff unter dem Titel „Thicker than Water“ als eBook in Lagos. Ein Jahr später entdeckte der Großverlag Penguin Randomhouse das Buch und brachte es unter dem jetzigen Titel (und mit der sicherlich verkaufsfördernden, poppigen Aufmachung) auf den amerikanischen und britischen Markt. Seit 2019 ist es im Aufbau Verlag/Blumenbar auf Deutsch erschienen.

Inhalt

Worum geht es? Ayoola und Korede, zwei unterschiedliche Schwestern, leben ein middelclass Leben in Lagos. Während Korede im Krankenhaus als Krankenschwester arbeitet, entwirft ihre jüngere Schwester Ayoola Kleidung. Sie hat eine stattliche Anzahl von Followern bei Instagram. Sie ist es auch, die ihre Verehrer derweil auf eigenwillige Art los wird. Weil er sie anschreit, bekommt einer ein Messer in den Bauch, einem anderen verabreicht sie Gift. Daraus folgert ein Problem: Wohin mit der Leiche? Beim Säubern hilft dann notgedrungen die ältere Schwester. Sie kennt sich schließlich aus, sie ist Krankenschwester. Saubermachen, Blut beseitigen gehört dazu. Nur: männliche Leichen beseitigen, ohne gesehen zun werden ist kein Leichtes.

 

So landet der ein oder andere schließlich  in der weitläufigen Bucht von Lagos. Taucht in den Gedanken von Korede aber immer wieder auf. Das schlechte Gewissen wird lange cool überspielt. Mit Dialogen über Männer, selbstgebackene Kekse, Beziehungen.

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„IMG_0305“ by satanoid is licensed under CC BY 2.0

„Nur die Schuldigen gehen in den Knast“

Ayoola, die Schwester, die zum Date immer ein Messer mit nimmt (zur Verteidigung), sagt so coole Sätze wie „nur die Schuldigen gehen in den Knast“. Zur anderen Kategorie zählt sie selbstverständlich sich selbst. Es ist überhaupt ein cooles, modernes Setting, in das der erstaunte Leser mitgenommen wird. Ein internationales Großstadtsetting, das genauso gut in Los Angeles oder London spielen könnte. Lagos im Dunkeln, bei starkem Regen, im Stau, Polizeikontrollen. Es gibt viel Suspense, Hinweise auf ein ungutes Ende für Ayoola verdichten sich. Über Soziale Medien wird der aktuell Vermisste gesucht. Verdächtigungen häufen sich. Und als man sich fragt: „Wie ermittelt eigentlich die Polizei in Lagos?“, kommt auch ein smarter Kommisar, der Ayoola dicht auf den Fersen ist. Da spielt Oyinkan Braithwaite ihre erzählerische Klasse aus. Da wird verdichtet, werden Rampen gebaut und wieder eingerissen. Ihren E.A. Poe hat sie auch gut studiert. Man ist mitunter an das „Tell-Tale-Heart“ erinnert.

Der Arzt und Kollege, auf den es Schwester Korede abgesehen hat, gerät auch ins Visier ihrer Schwester. Das stellt die schwesterliche Beziehung auf eine harte Prove. Dann ist da noch ein Komapatient, der die Halde für Koredes Gewissensbisse ist. Die werden nämlich immer stärker. Die Angst, doch aufzufliegen, wird größer. Doch der Komapatient hört mehr als es scheint…

Stil

Woher kommt all diese latente Gewaltbereitschaft? Es scheint eine Erklärung  zu geben, die in den Bestrafungen des Vaters zu zu suchen ist. Das liegt in der Vergangenheit. Doch die strahlt weit aus. Das Bestrafen mit der Peitsche hat, wie schon in Chigozie Obiomas „Der dunkle Fluss“ eine verheerende Wirkung auf den Fortgang der Figuren. So wohl auch hier.

Die lakonische Sprache, aus der Sicht der großen Schwester erzählt, die ungewohnte Konstellation von Opfer/Täter, entwickeln einen guten Drive, der bis zum Ende durchgehalten wird. Die Figuren sind nicht platt. Es ist ein filmische Erzählen in ungewohnt kurzen Kapiteln. Keine ausschweifenden Sätze, keine genauen Stadtbescheibungen, keine Exotik. Sehr knapp. Bam, bam, bam. Wie in einem Durchlauf geschrieben. Nie wird der Roman explizit, kein genüssliches Töten, wie es heute im Film und Thrillergenre Gang und gebe ist. Der Tod passiert, man hat das Gefühl, die Opfer haben es irgendwo auch verdient. Ist das schon radikaler Feminismus? Oder einfach nur düster, morbide.

„Meine Schwester, die Serienmörderin“  ist ein ungewöhnliches Buch. Eigentlich kein Krimi. Eher Mixtur aus verschiedenen Genres. Es funktioniert. Vielleicht, weil die Rollen diesmal vertauscht sind. Vielleicht, weil diesen Thriller eine junge Frau geschrieben hat, die eine moderne, knappe Sprache wählt. Die selten abschweift. Dennoch Erklärungen andeutet. Dass Männer das Problem sind. Vielleicht aber auch, weil uns solche Bücher aus Afrika schlicht gefehlt haben.

Hans Hofele

„Meine Schwester, die Serienmörderin“, Blumenbar Verlag, Berlin 2020
ISBN 9783351050740
Gebunden, 240 Seiten, 20,00 EUR

Zur Autorin:

Oyinkan Braithwaite, geb. 1988 in Lagos/Nigeria, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in London, bevor sie 2001 wieder mit den Eltern nach Lagos zurück kehrte. Zum Studium von Jura und Creative Writing war sie wieder in London. Sie lebt heute in Lagos.

*Zitat von Oyinkan Braithwaite im Interview mit Richard Lea/engl. Originalausgabe Atlantic Books

My Sister, the Serial Killer

„Forget about the great novel, just write something for yourself that’s fun „*.

With this novel, Nigerian author Oyinkan Braithwaite has achieved international success. Number one on the Times bestseller list. The Guardian even calls it a „literary sensation“. It was also longlisted for the 2019 Man Booker Prize. In 2020, she won the British Book Award in the Thriller and Crime category.

In 2017, Braithwaite published the material as an ebook in Lagos under the title Thicker than Water. A year later, the major publisher Penguin Randomhouse discovered the book and brought it to the American and British market under its current title (and with the certainly sales-promoting, poppy presentation). Since 2019, it has been published in German by Aufbau Verlag/Blumenbar.
Content

What’s it about. Ayoola and Korede, two different sisters, live a middelclass life in Lagos. While Korede works in the hospital as a nurse, her younger sister Ayoola designs clothes. She has a good number of followers on Instagram. Meanwhile, she is also the one who gets rid of her admirers in an idiosyncratic way. Because he shouts at her, one gets a knife in the stomach, another she administers poison. This leads to a problem: where to put the body? The older sister is forced to help clean up the mess. After all, she knows her way around, she is a nurse. Cleaning up, removing blood is part of the job. But cleaning up male corpses without being seen is not easy.

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So one or the other ends up in the spacious bay of Lagos. But they keep reappearing in Korede’s thoughts. The bad conscience is played over in a cool way for a long time. With dialogues about men, home-baked biscuits, relationships.
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„IMG_0305“ by satanoid is licensed under CC BY 2.0
„Only the guilty go to jail“.

Ayoola, the sister who always takes a knife to the date (for defence), says such cool phrases as „only the guilty go to jail“. She counts herself in the other category, of course. In general, it is a cool, modern setting into which the astonished reader is taken. An international metropolitan setting that could just as well be set in Los Angeles or London. Lagos in the dark, in heavy rain, in traffic jams, police checkpoints. There is a lot of suspense, hints of an unpleasant end for Ayoola are mounting. The current missing person is being searched for via social media. Suspicions pile up. And when you ask yourself: „How do the police in Lagos actually investigate?“, a smart commissioner also arrives, hot on Ayoola’s heels. This is where Oyinkan Braithwaite shows her narrative class. There is condensation, ramps are built and torn down again. She has also studied her E.A. Poe well. One is sometimes reminded of „Tell-Tale-Heart“.

The doctor and colleague whom Sister Korede is targeting is also targeted by her sister. This puts the sisterly relationship on a tough prove. Then there is a coma patient, who is the source of Korede’s remorse. These are getting stronger and stronger. The fear of being exposed is growing. But the coma patient hears more than it seems…
Style

Where does all this latent violence come from? There seems to be an explanation to be found in the father’s punishments. It lies in the past. But it radiates far and wide. As in Chigozie Obioma’s „The Dark River“, punishment with the whip has a devastating effect on the progress of the characters. This is probably also the case here.

The laconic language, told from the big sister’s point of view, the unusual constellation of victim/perpetrator, develop a good drive that is sustained to the end. The characters are not flat. It is a cinematic storytelling in unusually short chapters. No long sentences, no detailed descriptions of the city, no exoticism. Very concise. Bam, bam, bam. As if written in one go. The novel never becomes explicit, no gleeful killing, as is common in the film and thriller genres today. Death happens, you get the feeling that the victims deserve it somewhere. Is that radical feminism? Or just dark, morbid.

„My Sister, the Serial Killer“ is an unusual book. Not really a crime novel. More of a mixture of different genres. It works. Maybe because the roles are reversed this time. Maybe because this thriller was written by a young woman who chooses a modern, concise language. She rarely digresses. Yet hints at explanations. That men are the problem. But perhaps also because we have simply been missing such books from Africa.

Hans Hofele
„My Sister, the Serial Killer“, Blumenbar Verlag, Berlin 2020
ISBN 9783351050740
Hardback, 240 pages, 20,00 EUR

About the author:

Oyinkan Braithwaite, born 1988 in Lagos/Nigeria

 

 

 

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